Die Melodie der Nordsee...

Die Melodie der Nordsee...

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Sven Hüfner


Premium (Basic), Hannover

Die Melodie der Nordsee...

Sylt – Nordfriesland – Mai 2021

Der berühmte Leuchtturm List-Ost auf dem Ellenbogen der Insel Sylt. Der nördlichste Punkt in Deutschland. Ein Bild, von dem ich bereits einige Jahre geträumt hatte. Leider hatte sich der Besuch dieses Ortes in den vergangenen Jahren und Besuchen auf der Insel nie ergeben. Dieses Jahr hat es dann aber endlich geklappt und nach dem ich in der letzten Zeit sehr hin- und hergerissen war, ob ich dieses Bild aufgrund seiner Entstehungsgeschichte überhaupt teilen sollte, habe ich mich nun doch dazu entschieden, es zu veröffentlichen. Hierbei möchte ich aber auch besonders auf die mir bis heute noch unangenehmen Gedanken und Gefühle eingehen, die ich mit diesem Foto verbinde. Denn dieses Bild hätte ich so in dieser Form gar nicht erst aufnehmen dürfen und dennoch, wohlwissend, dass ich damit einen Fehler begehe, hatte ich mich vor dem Moment der Aufnahme über diese Einsicht für das persönliche und langersehnte Traumfoto hinweggesetzt. Ich möchte in diesem Kontext auch die Chance nutzen, noch mal auf Wichtiges und Wissenswertes zu diesem wunderschönen Ort hinzuweisen.

Ich bitte Euch deshalb darum den Text vollständig zu lesen, damit das eine oder andere Missverständnis gegebenenfalls vermieden werden kann.

Das Bild ist während eines kürzlich vergangenen Urlaubs auf der Insel Sylt entstanden. Wie ich bereits erwähnt hatte, war es eines, wenn nicht sogar das langjährige Traummotiv, das ich irgendwann noch einmal mit meiner Kamera einfangen wollte.

Ursprünglich vorgenommen hatte ich mir, diesen Ort in einem warmen und lichtdurchfluteten Sonnenaufgang zu fotografieren. Der Weg dorthin führt über eine Privatstraße in den nördlichsten Teil der Insel, auf den sogenannten Ellenbogen. Wie sich später noch herausstellen wird, hatte ich mich im Vorfeld leider nur über die Anfahrtsmöglichkeiten mit dem Auto und die hierfür zu entrichtenden Mautgebühren informiert. Der kurze Blick auf Google Maps verriet mir, dass es vom Strand aus scheinbar einen kleinen und betretbaren Trampelpfad gibt, der das Fotografieren vom gezeigten Standort ermöglicht. Ich hatte früher auch schon vereinzelte Aufnahmen anderer Fotografinnen und Fotografen von dort gesehen, die mich dann in dieser Annahme wohl auch bestätigten.

Die Wetterbedingungen an diesem Morgen waren für einen schönen Sonnenaufgang durch die ersten bereits einsetzenden Vorboten des Sturmtiefs "Eugen" nicht gerade aussichtsreich, aber dunkle und dramatische Wolken haben ja bekanntlich auch ihren besonderen Reiz. Und so ging es am nächsten Morgen - nachdem ich die Mautgebühr bereits am Vortag entrichtet hatte - in aller Frühe und voller Vorfreude von Westerland los bis hoch zum Ziel-Parkplatz, der nur unweit des Leuchtturmes liegt. Dort oben angekommen schnappte ich mir den Fotorucksack und das Stativ und machte mich auf den Weg zum Strand und zu vermeintlichen Stelle an dem sich der betretbare Trampelpfad befinden sollte. Doch meine Vorfreude erhielt dort angekommen einen ziemlichen Dämpfer, als ich vor dem erkennbaren Trampelpfad - oder was davon übrig war - plötzlich und unerwartet vor ein kleines Verbotsschild beziehungsweise einen Stacheldrahtzaun stieß. Die bisherige Vorfreude wich einem unschönen Gefühl der Enttäuschung und mit einem Mal schien das persönliche Traumfoto, welches bereits so nah war, unendlich weit weg. Ich wusste dann in diesem Moment durch die Enttäuschung auch nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Und so machte ich dann tatsächlich den angedeuteten Fehler, der mir bis heute noch unangenehm und schwer im Magen liegt. Denn anstatt mich der Vernunft hinzugeben und die Situation so hinzunehmen, wie sie nun mal war, betrat ich trotzt des mir plötzlich bewusst gewordenen Betretungsverbots die Düne, um dennoch das ewige Wunschfoto mit der Kamera einzufangen. So sehr wollte ich es. Aber bereits während des unerlaubten Betretens hatte ich ein derart schlechtes Gewissen, sodass ich diesen einmaligen Anblick, der sich mir dort oben daraufhin bot, nicht wirklich genießen konnte. Obwohl ich zahlreiche Aufnahmen machen konnte, waren die Gedanken, hier etwas grundlegend Falsches zu tun, einfach präsenter als alles andere. Ich wollte dann schnellstmöglich nur noch wieder runter von der Düne. Natürlich dann auch ein bisschen in der heimlichen Hoffnung, dass man dieses eine Mal nicht gesehen wurde. Und selbst wenn dies tatsächlich der Fall gewesen wäre, hätte sich dieses Foto für mich gewiss immer ein bisschen falsch angefühlt. So kenne ich mich jedenfalls.

Es kam aber anders und wohl auch genauso, wie es kommen musste. Und so wurde ich auf dem Rückweg zum Auto noch am Strand plötzlich vom herannahenden, örtlichen Wächter und seinem Jeep angehalten und handelte mir eine saftige und berechtigte Standpauke ein. Natürlich entschuldigte ich mich in dem Moment noch kleinlaut und im Rahmen des Möglichen, aber das fühlte sich genauso falsch an wie die eigentliche Aktion. So konnte ich eigentlich von Glück sprechen, dass es schlussendlich nur bei einer sehr scharfen und letzten Verwarnung geblieben ist. Das ich hierfür sicher noch ganz anders hätte belangt werden können, war mir aber ab diesem Moment auch bewusst.

Das Ganze war mir dann spätestens ab diesem Moment so derart unangenehm, dass sich dieses unschöne Erlebnis und das damit verbundene schlechte Gewissen noch durch meine gesamten, verbleibenden Urlaubstage auf der Insel gezogen hatte. Allerdings war das wohl auch die Mindeststrafe, die ich für meine Unvernunft und die Tatsache, dass ich mit der Aufnahme dieses Fotos persönliche Befindlichkeiten über den elementaren Natur- und Küstenschutz gestellt hatte, erwarten konnte.

Ich hatte mich deshalb schon kurz danach hingesetzt und versucht herauszufinden, auf wen ich da vor Ort getroffen bin und wie ich an diese Person noch einmal herantreten konnte. Glücklicherweise hatte ich auch Erfolg und so konnte ich, nach dem ich das Ereignis ein paar Tage habe sacken lassen, mich noch einmal aufrichtig und in sehr ausführlicher Form bei der Person für mein Vergehen entschuldigen. Diese wurde dann in einer ebenso ausführlichen Rückmeldung auch angenommen. Ergänzend hierzu gab mir der Herr auf meinen persönlichen Wunsch hin auch die Möglichkeit, noch einen entsprechenden Betrag an einen örtlichen Naturschutzverein spenden zu dürfen, was ich dann auch gerne getan habe.

Das macht mein Vergehen und verursachten Schaden an der Natur – möge er auch noch so klein sein - selbstverständlich nicht ungeschehen und das sollte es auch nicht. Ich war bei dieser ganzen Sache nicht viel klüger als jemand, dem man einfach nur Dummheit unterstellen würde. Dennoch war ich froh, dass ich die Sache damit zumindest ein bisschen ins Reine bringen und mit etwas Positivem abschließen konnte. Und so schön das Foto für mein persönliches Empfinden am Ende vielleicht doch geworden ist – könnte ich dieses Erlebnis rückgängig machen, ich würde es tun. Mir war dieses Erlebnis auf alle Fälle eine Lehre und ich würde mich wohl selbst belügen, wenn mir dies so oder in ähnlicher Form in meinem Leben noch einmal passiert.

Mit der Veröffentlichung dieses Bildes möchte ich auf keinen Fall andere dazu inspirieren, denselben Fehler zu begehen. Schließlich ist mir genau das mit der gesamten Geschichte jetzt auch passiert. Vielmehr möchte ich noch einmal darauf aufmerksam machen, dass das Betreten der Dünen an diesem Ort strengstens verboten und das kein Foto es wert ist, hierfür geltende Regeln des Natur- und Küstenschutzes zu missachten. Auch nicht morgens um 05:45 Uhr wenn man vielleicht glaubt allein zu sein, so wie der Herr es mir damals auch ausdrücklich so sagte. Ich habe mich an jenem Morgen jedenfalls dazu verleiten lassen, es doch und damit etwas ziemlich Dummes zu tun.

Am Schluss hoffe ich, dass Euch die Melodie von Meer, Wind, Sand und Dünen beim Betrachten dieses Bildes trotzdem erreicht. Die Nordsee hat sich an diesem Morgen jedenfalls so gezeigt, wie sie nun mal ist. Nämlich rau und unberechenbar sowie voller Weite und immer mit einem salzigen Geschmack in der Luft...

Herzlichen Dank für's Lesen und bleibt gesund!

Canon EOS 5D Mark IV | Canon EF 16-35 F4 L IS USM

Brennweite: 18 mm | Blende: F9 | Verschlusszeit: 1 Sekunde | ISO: 100

Filter: NiSi GND Soft ND8 (0.9) NANO IR

Comments 63

  • Fabian Eipel 13/11/2021 17:19

    Das macht unser Hobby wohl aus..
    Großartige Stimmung und tolles Bild!
  • Uwe Schmidt 3 12/11/2021 10:23

    Eine ganz spezielle Stimmung. TOP
    VG Uwe
  • Der Westzipfler 11/11/2021 16:41

    Ich habe mir mal die Mühe gemacht, die ganze Geschichte durchzulesen! Dazu kann ich nur sagen: Mit dieser unangenehmen, aber lehrreichen Erfahrung bist Du hier sicherlich nicht allein und ich kann Deinen großen Wunsch, ein bestimmtes Motiv vor die Linse zu bekommen, nur allzu gut nachvollziehen. Wie sagt doch der Volksmund schon so treffend: Aus Schaden wird man klug! ,.-)))
    Aber, auch ich habe irgendwann die Erfahrung gemacht, dass es kein Motiv und kein Foto der Welt wert ist, die Natur oder gar sich selbst oder andere unnötig in Gefahr zu bringen. Wirklich KEIN einziges Foto! Etwas stolz auf mich war ich vor einigen Jahren, als ich auf dem Kehlstein-Haus war. Der Weg vom Haus zum eigentlichen Gipfelkreuz war wegen Schnee und Glatteis gesperrt. Nur, scherte sich kaum jemand um die Absperrbänder, die reihenweise überschritten wurden. Selbst Familien mit Kindern und ältere Personen sah ich zum Gipfelkreuz laufen und konnte darob nur mit dem Kopf schütteln (welch' schlechtes Vorbild sie doch für ihre Kinder waren!). Denn es war wirklich spiegelglatt und höllisch gefährlich.  Zu gerne wäre auch ich zum Gipfelkreuz gewandert, um von dort ein bestimmtes Foto zu machen. Doch, nach kurzem Wanken, blieb ich hart und verzichtete auf das Foto. Ich sagte mir einfach: Falls ich auf dem vereisten und verkarsteten Boden stürze und mir die Hacken breche (und womöglich von der Bergwacht unter großem Aufwand ins Tal gebracht werden muss), dann wäre es das definitiv nicht wert gewesen. Und mit dieser Entscheidung ging es mir im nachhinein deutlich besser, als wenn ich (wie Du auf Sylt) das Foto mit schlechtem Gewissen gemacht und ich mich über mein Bauchgefühl hinweg gesetzt hätte. Das Foto hätte am Ende noch so gut sein können . . . ich hätte vermutlich keine Freude daran gehabt! Ich erkannte, dass es Ausdruck puren Egoismus' (sprich: "ich will haben") gewesen wäre, wenn ich das Foto dennoch gemacht hätte. So blieb ich brav hinter den Absperrbändern und schaute mir das Schauspiel (nicht wenige gingen, wie zu erwarten war, zu Boden!) lieber aus sichererer Distanz an. Manchmal braucht es im Leben eben solche wertvollen Erfahrungen, wie Du sie auf Sylt gemacht hast, um bestimmte Lektionen im Leben zu lernen. Zum Glück habe ich diese wichtige Lektion schon relativ am Anfang meiner Foto-'Karriere' gelernt: Manchmal gewinnt man viel mehr, wenn man kurzfristig auf etwas verzichtet  . . . oder auch einen Schritt zurück geht. Häufig habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich einem dafür andere und oftmals sogar bessere Chancen bieten, wenn man erst einmal Verzicht übt (und sei es auch noch so schwer!) und nicht 'auf Biegen und Brechen' etwas partout erzwingen will. 
    Insofern: So unangenehm und 'schmerzhaft' die Situation für Dich auch war . . . sei dankbar dafür und froh darüber, dass Dritte Dir zu dieser wichtigen Erkenntnis verholfen haben. Wenn Du Glück hast, dann trägt diese wichtige Lektion nämlich ein Leben lang und bewahrt Dich und Deine Umgebung auch bei anderen, zukünftigen Gelegenheiten und Lebensumständen vor möglichem Schaden! 

    LG aus dem Maasland,

    Markus
    • Sven Hüfner 11/11/2021 16:50

      Lieber Markus! :)

      Vielen herzlichen Dank für deine offenen Worte und dass Du dich mit meinem (langen) Bildtext auseinandergesetzt hast. Ich kann deine Zeilen - die mich im Übrigen auch sehr bewegt haben - zu 100% unterschreiben. Danke, dass Du auch deine persönlichen Erfahrungen hier in diesem Kontext mit mir / uns geteilt hast. Ganz toll! :-)

      Herzliche Grüße aus Steinhude am Meer,

      Sven
  • enner aus de palz 10/11/2021 19:51

    Mehr Text als Foto... :-))
    Solch lange Texte werden selten gelesen, Sven, für mich sollen Fotos sprechen.

    Das tut deine Aufnahme sehr gut mit der Stimmung, perfekt gestaltet, Wolken sind wie das Salz in der Suppe, die sehen super aus.
    +++TOP+++
    Warum stellst du deine Foto so klein ein ?
    LG Rainer
    .
  • karlitto 05/11/2021 12:07

    Wie ein Gedicht ...
  • clautce 23/10/2021 21:21

    Ein richtig kraftvolles und zugleich samtweiches Bild. Dieser Gegensatz in einer Aufnahme wühlt auf und beruhigt zugleich. Deine Geschichte ist von Grund auf ehrlich und Du hast meinen größten Respekt, dass Du sie hier mit uns teilst... alle Achtung!  Eine fantastische Aufnahme trotz aller widrigen Umstände... 
    Liebe Grüße Claudi
    • Sven Hüfner 23/10/2021 21:40

      Liebe Claudi! Vielen herzlichen Dank für deinen ausführlichen und konstruktiven Kommentar über den ich sehr gefreut habe! :-)
  • Burkhard Wysekal 18/10/2021 15:31

    Ich bin dort  vor gut 25 Jahren  mit dem Fahrrad  von Westerland über  die Privatstrasse am Ellenbogen zum Turm gefahren. Damals konnte  man noch jeden Fundamentbolzen als Makroaufnahme anfertigen. Hatte  natürlich auch weitgefasste Übersichten dabei. Natürlich alles  analog . Ging  ja  nicht  anders.
    Jetzt  haben sich die Zeiten  geändert, der  Natur  geht es überall  an den Kragen.
    Du hast Alles  in ausführlicher  Weise beschrieben, was  mir sehr  gut  gefällt. Dazu  auch
    eine  saubere  Auflistung  Deiner Exifdaten und die  ganze  Vorgehensweise.
    So  ist`s  recht. Und gestalterisch ne  Wucht, auch  qualitativ.....:-)).
    LG, Burkhard
    • Sven Hüfner 18/10/2021 15:39

      Lieber Burkhard! Vielen herzlichen Dank für deinen sehr ausführlichen und konstruktiven Kommentar! :-)
  • Gerd Ka. 16/10/2021 18:22

    Großartig! Für mich eines der besten Bilder vom Ellenbogen. Und dazu die spannende Geschichte. Für mich ist dieser Leuchtturm auch ein Wunschmotiv. Mir scheint, ich werde Abstand davon nehmen ...
    Viele Grüße
    Gerd
  • ffrancis 16/10/2021 11:13

    Wie auch immer, es ist ein tolles Bild geworden.
  • Kay Bönisch 12/10/2021 14:16

    Eine sehr schöne Melodie hast Du da geschaffen. Neben dem Motiv und dem Bildschnitt beeindrucken mich die Brauntöne in der unteren Hälfte und die Sanftheit der gewaltigen Wolken (was wohl auf den ND-Filter zurückfällt). VG Kay
  • barbara hetterich 20/09/2021 18:31

    Unfassbar gut, besser geht´s nimmer.
    Ein Motiv, das Sehnsucht in mir weckt, endlich mal wieder im Norden zu sein.
    Du bist auch sehr gut in Punkto Bearbeitung . Hut ab
    viele Grüße barbara
  • Petrochelli Fotografie 20/09/2021 18:26

    ...der Titel gefällt mir auch sehr gut...tolle dramatische Stimmung eingefangen...ich könnte dort auch gern mal Urlaub machen...vg  Lutz
  • auma 12/09/2021 11:53

    Klasse Foto mit prima Titel !!
    LG Markus
  • Jürgen Hamela 11/09/2021 12:03

    es geht nicht besser. Exzellent.
    Gruß
    Jürgen
  • Analogdigital 10/09/2021 21:15

    Imposanter Anblick , interessante Geschichte dazu….