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grundlegend für meine aufnahmen 04/05 ist die (vieldiskutierte)
vorstellung von fotografie als zeichen, das auf ein bestimmtes
zurückliegendes vorkommnis verweist. überlegt man auf dieser grundlage
fragt man sich früher oder später wie dieses verweisen zustandekommt.
sich diese frage stellen bedeutet dabei nach dem "spezifisch
fotografischen" einer fotografie zu fragen und für mich ist das spezifisch
fotografische einer fotografie der "physikalisch-chemische prozess des
transfers" (dabei ist das was diesen transferprozess in gang setzt, ob nun
strahlen, lichtwellen, das objekt selbst, was auch immer, für mich eine
offene frage). das einzige was dieser transferprozess "leistet" ist
schließlich ein völlig neutrales verweisen auf ein vergangenes
vorkommnis. ein foto ansich ist bedeutungslos.
"ein foto ansich ist bedeutungslos." diese erkenntnis war für mich in den
jahren 04/05 sehr wichtig, weil sie die frage aufwarf woher denn die
bedeutung kommt, die fotos beigemessen wird (meine erfahrungen mit
den wilden galerievoting-diskussionen, damals gab es noch keine hud,
wirkten da durchaus förderlich für die beantwortung:). eine fotografie bildet
für mich einen aussagelosen "zwischenraum" um den herum sender und
empfänger wechselseitig versuchen mit ihren verschiedensten sozialen
codierungen zurechtzukommen.
:)
Würde dem was Du schreibst zustimmen. Klingt einigermaßen seefest. Doch eine Sache fände ich erwähnenswert: Digitale Aufnahmen haben keinen Alterungsprozess. Mal abgesehen von einem Verlust der technischen Voraussetzungen zum Erhalt digitaler Bilder. Analoge Fotografie altert. Fotografie an sich würde ich hier unterteilen. Das Erkennen analoger Beschaffenheit, im Netz natürlich digitalisiert, zwingt zu einer Betrachtung an sich. Analog oder Digital. Eine Unterscheidung also die das Foto an sich betrifft. Und weniger die sozialen Codierungen.
ob digitale aufnahmen wirklich keinem alterungsprozess unterliegen vermag ich nicht zu beurteilen, dass er, wenn es ihn doch geben sollte von anderer art ist als derjenige von analogen aufnahmen ist offenkundig.
das spezifisch fotografische ist ja für mich der chemisch-physikalische transferprozess, der findet, etwas modifiziert, auch bei digitalen aufnahmen statt.
(ein einwand, den ich mir gefallen lassen müsste wäre die entgegnung, dass es sich bei einem fussabdruck im sand auch um einen chemisch-physikalischen transferprozess handelt, die fussspur ist auch ein zeichen das auf ein vergangenes vorkommnis verweist, die idee ist ein wenig "beliebig" und absolut nicht "seefest" aber sie ist eben die idee, der ich seinerzeit nachgegangen bin)
die überlegungen, die wir hier äussern haben mit unseren codierungen zu tun und nichts mit dem spezifisch fotografischen der fotografie.
Kannst Du den Begriff der "sozialen Codierungen", oder Codierungen allg. im soziologischen Kontext bitte etwas erläutern? Oder gibt es dafür irgendwo eine Definition?
So ist es schwierig Deinen Ausführungen zu folgen.
ciao yb
damit beziehe ich mich auf sämtliche prägungen die ein mensch erfahren hat und die z.b. bei der betrachtung eines fotos zum ausdruck kommen können.
z.b. hat die aussage: "schrott!" eine "prägungshistorie".
ich sage, das jemand, der ein foto z.b. mit "schrott!" beschreibt etwas über seine eigene prägungshistorie aussagt, nichts aber über das foto selbst. über das foto selbst kann man nur sagen: "es bezeugt das gewesensein von vorkommnis ..."
hm, weiss nicht, ich versteh aber auch "fallhöhe" nicht. meine fotos basieren seit 2004/05 auf der vorstellung von fotografie als zeichen (meine einwegfotos von 07-09 basieren übrigens auf der vorstellung von fotografie als soziales konstrukt, sie sind auf jedenfall im zusammenhang mit den ellenlangen diskussionen zu sehen, die nur so von verständnis und unverständnis sprühen)
"ein foto ansich ist bedeutungslos."
Dies ist richtig, es geht nur um die Gedanken und Emotionen, die es im Betrachter auslöst. Da die meisten Menschen relativ ähnlich geprägt sind, denken und empfinden sie auch ähnlich. Ohne diesen Zusammenhang gäbe es auch keine Popularität oder auch keine Manipulation durch Medien ;)
über zwei jahre erstreckt sich der versuch wege auszuprobieren diese bedeutungslosigkeit fotografisch, seriell umzusetzen. "inszenierte beiläufigkeit", "inszenierte absichtslosigkeit" sind dabei ganz entscheidende stichworte.
"ein foto ansich ist bedeutungslos."
ja, um aber herauszufinden warum das so ist muss man schon ein wenig überlegen. die erkenntnis kam trotzdem plötzlich, naiv, aus einem bauchgefühl heraus:)
erstmals formuliert wurden diese überlegungen von der fotografie als zeichen (oder index) übrigens vor vielen jahrzehnten von c.s. peirce.
Fallhöhe im Sinne von Wertung.
Künstlerische Fallhöhe ist ein Begriff der den Wert eines z.B. Fotos beschreibt. Also ab wann es als Kunst zu bewerten ist. Wird wohl bei Gericht verwendet. Wenn es um Ansprüche in diesem Bereich geht.
Mit Fallhöhe der sozialen Codierungen meinte ich den Umstand das man sich als Anmerker offenbart. Also kategorisiert. In eine Wertung. Deine Bilder seinerzeit, wie auch später hatten ja einen gewissen "Eigensinn". Welcher vor allen Dingen den Codierungen der Galeriewürdigen Bildern kaum entsprach. Bilder, die mir stets gut gefielen. Aber, durch Eigensinn/Individualismus, den Gemeinschaftscharakter der wertenden Voter zuwider lief. Die Galerie als Ort an dem bestimmte Plätze zur Verfügung stehen. Welche vor allen Dingen etwas mit Unterwerfung in Sehgewohnheiten zu tun hat.
"eigensinn" schönes beispiel bringst du da. ich hatte diesen begriff von der kultivierung des eigensinns im profil stehen. diesen hatte ich von hermann hesse abgekupfert und für meine zwecke modifiziert. (hesse hatte ihn möglicherweise von den transzendentalisten emerson, thoreau und konsorten, zu denen er sich wohl auch hingezogen fühlte.) mäandernde prägungshistorie halt:)
Jetzt hab ich mal nachgeschaut, warum mir der Name von Herrn Peirce so bekannt vorkam. Ich hatte schon mal im Zusammenhang mit Prädikatenlogik in Mathe-Vorlesungen mit ihm zu tun ... uff :)
ahja, schön:) viele meiner anmerkungen in kontroversen diskussionen basieren auf aussagenlogischen prinzipien. in den vorlesungen ging es bestimmt um die einführung von quantoren und die formale sprache pl1. ist schon bemerkenswert zu sehen wie viele user hier sich offenbar gar keine gedanken darüber machen was sie da so von sich geben. die wenigsten sind überhaupt in der lage ein argument zu erkennen. ich nenn so eine unreflektierte sprache mittlerweile "sprache mit pilzbefall".
ums noch komplizierter zu machen lasse ich meinen geliebten Thomas Bernhard zu Wort kommen:
>>~Zwei vollkommen verschiedene, einander ausschließende Meinungen hatte Thomas Bernhard zur Fotografie, und er hat sie nebeneinander im selben Buch, der „Auslöschung” geäußert. „Die Fotografie zeigt nur den grotesken und komischen Augenblick, dachte ich, sie zeigt nicht den Menschen, wie er alles in allem zeitlebens gewesen ist, die Fotografie ist eine heimliche perverse Fälschung, jede Fotografie, gleich von wem sie fotografiert ist, gleich wen sie darstellt, sie ist eine absolute Verletzung der Menschenwürde, eine ungeheuerliche Naturverfälschung, eine gemeine Unmenschlichkeit.” Aber auch: „Tatsächlich verschleiern die Fotografien nichts, decken nichts zu, machen das, das die darauf Abgebildeten lebenslänglich verschleiern und verdecken wollen, offensichtlich, rücksichtslos, dachte ich in der fortgesetzten Betrachtung der Fotos. Das Verzerrte, das Verlogene auf ihnen ist die Wahrheit, dachte ich. Die absolute Verleumdung darauf ist die Wahrheit.”<<
PS
mich hats sofort aufmerksam gemacht, das Photo, es hat enorm viel Spannung, ist so weit geöffnet, ich kann meine Geschichten darin betten, in welche Richtung auch immer..oh, dazu gäbe es so viel zu sagen, ja auch das Terrorregime der Galeriesehgewohnheitsansprüche, oder das Bilder gar nicht mehr angeschaut werden, kaum jemand sich darauf zu bewegt, dem Fremden sich öffnet, sich iritieren lässt. Nein, der erste und auch noch so dümmliche Impuls wird als wahrhaftig existent empfunden und sozusagen als Interpretationskondom über die Lebendigkeit des Photos gestülbt.
Wie gesagt, da gäbe es viel zu reden..
thomas bernhard ist ja aktuell auch wieder in aller munde. mir gefällt das kompromisslose in seinen sachen. ich hab den sehr intensiven briefwechsel mit unseld. vom standpunkt der fotografie als index oder zeichen aus liegt er aber falsch, zumindest mit dem ersten zitat. im zweiten nähert er sich ihm langsam an, noch ein paar betrachtungen mehr und es würde "klick" machen, bei ihm, hab ich den eindruck:-)
ach komm, ich bin immer so im sachlichen verhaftet, dass ich umgangsformen schonmal vergesse. der hinweis freut mich aber wirklich, vor allem, weil ich den thomas bernhard auch mag.
Das Foto als aussageloser Zwischenraum, als reine zeitlich und örtlich definierte Realitätskonserve auf Film oder Datenträger: Ganz nüchtern und sachlich betrachtet ist ein Foto auch nichts anderes. Der ganze Rest ist lediglich die Eigenart der menschlichen Psyche, Leere füllen zu wollen. Dem optischen Eindruck eine Bedeutung zu geben. Wobei dies oftmals schon unter Berücksichtigung bestimmter Konventionen bzw. als allgemein gültig oder sozial normiert angesehenen Leitlinien vom Fotografen angestoßen wird, er geht damit schon selbst über die reine Realitätskonserve hinaus, gibt dem Betrachter gewisse Anreize oder Hinweise, auf welche Art und Weise er dem optischen Eindruck eine Bedeutung zumessen könnte.
Wobei mir jetzt gerade einfällt, dass Du ja gerne zwischen "Foto" und "Bild" differenzierst. Ich selbst mache das eigentlich nicht (zumindest nicht bewusst oder gezielt), deswegen würde mich mal interessieren, was genau ein Foto für Dich zum Bild macht.
es ist das was hier jetzt auch schon beschrieben steht.
die fotografie ist zunächst eine art neutraler zwischenraum ohne bedeutung. eine fotografie wird zum bild, wenn sie als soziales konstrukt von beiden seiten mit bedeutung aufgeladen wird. ich bezeichne eine fotografie dann als bild, wenn für mich bedeutsamkeit besonders klar hervortritt.
durchaus möglich, dass ich dabei in einem fotografischen bild etwas völlig anderes sehe als der autor beabsichtigt hatte.
Eine Erkenntnis meinerseits: Nachdem ich ein Jahr ausschließlich mit einem 28er PC Shift an einer Fuji S3 (entspricht 42mm an KB) fotografiert habe. Ohne durch den Sucher zu schauen. Ab einem gewissen Abstand, hängt von der Größe des ab-gelichteten Objekts ab, und einem Shift 7° nach unten bei ausgerichteter (Wasserwaage) Kamera ist definitiv meiner Meinung nach jedes Bild vorzeigbar. Es hält etwaigen Kriterien stand. Auch eine Erkenntnis der Bedeutungslosigkeit. Anbei, Bedeutungslosigkeit ist faszienierend. geradzu anziehend. Hat man sich mal mit Ihr beschäftigt. Könnte auch das Teil Deiner fotografischen Geschichte hier in der Fc gewesen sein?
Ich bin immer noch auf der Suche nach einer Art "uneitlen" Fotografie. Also Fotos, welche mit wenigen "codierungen" eine schlichte Botschaft halbwegs sachlich präsentieren können. Ohne dokumentarisch sein zu wollen. Ich möchte dabei nicht die Kreide aus dem Fenster werfen. Damit meine ich zurück zur Lochkamera. Habe ich schon probiert. Sondern eine Fotografie mit halbwegs aktuellen Gerät. Nun ja. Bei mir im Regal steht schon seit ungefähr 15 Jahren die Minima Moralia. Werde ich mir mal zu Gemüte führen. Und vielleicht eine Weile ein klein Stück in meine Fotos verbauen:)
der effekt der bedeutungslosigkeit des fotografen im moment der aufnahme wird bei der lochbildfotografie nochmal verstärkt, finde ich. aber auch das ist schon wieder codierung, mein großes thema in der ganzen zeit hier ist eigentlich das darstellen der bedeutung der bedeutungslosigkeit, aus einer komplett durchcodierten position heraus.
ich versuche nicht die fotografie als ersatz fürs malen zu sehen (für die meisten hier ist das fotografieren ein ersatz fürs malen, man sieht das in den bildbesprechungen), sondern zuallererst als fotografie, als technisch von mir als bildschaffenden unabhängiges medium.
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die annahme, "es geht nur ums foto." ist angesichts des ganzen reine selbstverarschung, oder, wenn man auf kosten anderer spass haben will der versuch das opfer nach der tat in sicherheit zu wiegen, mehr nicht. es geht bestenfalls noch darum sich mitzuteilen und gegebenenfalls zu überzeugen.
eigentlich war ich ja von hobbes schon weg und fast bei rousseau, meine erfahrungen hier haben mich wieder zu hobbes zurückgeführt:-)
Irgendwie fände ich es interessant ein Bild, welches unter dem Eindruck der Bedeutungslosigkeit gemacht wurde, im Anschluss mit sozialem Schmalz zu recodieren. Sprich photoshopen. Zusätzlich vielleicht noch erneute Aufnahmen mit dem Vorsatz des sozialen Entertainment. Vielleicht ein kleine Serie von 5-10 Bildern. Eine Metamorphose. Bis hin zur Übercodierung. Vielleicht ist Übercodierung ja mal ganz reizvoll:)) Hmm, das wär doch was! Oder?
hm, weiss nicht, ob ich genau verstehe was du meinst.
codierung ist für mich ein lebenslanger und mäandernder prozess, man entwickelt bestimmte ansichten zu mannigfaltigen themen. in den meisten fällen ist man sich, wie yb anmerkt recht ähnlich, so das gruppen entstehen (z.b. bvb09 oder s04 anhänger zu sein). für mich als bvb anhänger ist es vollkommen ok, das es s04 anhänger gibt. wenn bvb gegen s04 spielen gilt es ein bestimmtes vokabular abzurufen um seiner zugehörigkeit in abgrenzung nachdruck zu verleihen.
meinst du sowas? verschiedenartige codierungen des gleichen themas aufeinanderprallen zu lassen?
Gruppen wäre da vielleicht das Stichwort. Und deren Erkennungsmerkmale. In der Tribute Diskussion von Don Dete geht es ja darum. Um die Plätze. Ähnlich wie in einer Theateraufführung. Gibt es in der Gruppe Rollen/Plätze. Die eingenommen werden können. Ein Kampf um die Plätze also. Gehen wir mal vom Schauspiel aus so gibt es den König, Hofnarr, Volk, usw... Es gibt verschiedene Strategien um ein Platz in einer Gruppe zu bekommen. Sei es das kopieren von Vorbildern, Andere lächerlich machen, oder Ähnliches. Mit am schwierigsten ein Platz zu bekommen wäre zum Beispiel das Mittel "Eigensinn". Denn es greift nach ganz oben. In der Hierarchie. Entsprechend wird der Platz von der Gruppe bewehrt.
Übercodierungen könnten einerseits Bildbestandteile sein. Sei es das man schlicht Attribute hinzufügt. Eventuell würde es reichen symbolisch Gegenstände zu platzieren. Ein BVB- Schal zum Beispiel.
Anderseits: Ein Sonnenuntergang zum Beispiel. Ich habe jahrelang nach dem Motiv "Sonnenuntergang im Misthaufen" gesucht. Wunderschön abgelichtet. Einmal gefunden. Bild ist leider nicht vorzeigbar. So als Ansatz. Hier träfe sich ein Widerspruch.
P.s.: meinst du sowas? verschiedenartige codierungen des gleichen themas aufeinanderprallen zu lassen? Ja, das meine ich:)
ok, verstehe. deine "nichtvorzeigbaren" bilder würden mich mal interessieren. was meinst du mit nichtvorzeigbar?
die donsche tribute-diskussion ist interessant, die führe ich ja seit jahren mit den (übriggebliebenen) "mitgliedern" der "kritiker" von einst. ganz dicke bretter, ganz, ganz dicke.
@m.v.h.: Danke für die Erläuterung, so hatte ich das auch schon vermutet. Jetzt weiß ich's. ;)
"durchaus möglich, dass ich dabei in einem fotografischen bild etwas völlig anderes sehe als der autor beabsichtigt hatte."
Ist es nicht gerade das, was am Ende den Reiz ausmacht auf der Seite des Senders? Es ist zumindest für mich einer von mehreren Gründen, genau so zu fotografieren wie ich es momentan tue.
@ewig: Für mein Empfinden wird das nachträgliche Auftragen von "sozialem Schmalz" auf an sich bedeutungslose Fotos hier schon zur Genüge praktiziert, allerdings nicht mit dieser tiefgründigen Absicht.
"Nicht vorzeigbar"
Oft mache ich von einer Sache sehr nachlässige Fotos. Um dann vielleicht irgendwann das Bild mal "Richtig" zu machen. Oder nur um ein solches Motiv im Kopf zu behalten. Der Grund für diese Nachlässigkeit ist wohl dass jene Bilder eine gewisse Neutralität behalten sollen. Es dient mir mehr als Erinnerung.
Ach so, den Sonnenuntergang suche ich noch. Habe ich, so glaube ich, noch irgendwo auf einer externen Platte.