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Die schönste Zeit im Jahr, im Leben, im Jahr? Lassen Sie mich nachfühlen.
Frühling?
Dieser lange, etwas bleichsüchtige Lümmel, mit einem Papierblütenkranz auf dem Kopf, da stakt er über die begrünten Hügel, einen gelben Stecken hat er in der Hand, präraffaelitisch und wie aus der Fürsorge entlaufen; alles ist hellblau und laut, die Spatzen fiepen und sielen sich in blauen Lachen, die Knospen knospen mit einem kleinen Knall, grüne Blättchen stecken fürwitzig ihre Köpfchen ... ä, pfui Deibel! ... die Erde sieht aus wie unrasiert, der Regen regnet jeglichen Tag und tut sich noch was darauf zugute: ich bin so nötig für das Wachstum, regnet er. Der Frühling -?
Sommer?
Wie eine trächtige Kuh liegt das Land, die Felder haben zu tun, die Engerlinge auch, die Stare auch; die Vogelscheuchen scheuchen, daß die ältesten Vögel nicht aus dem Lachen herauskommen, die Ochsen schwitzen, die Dampfpflüge machen Muh, eine ungeheure Tätigkeit hat rings sich aufgetan; nachts, wenn die Nebel steigen, wirtschaftet es noch im Bauch der Erde, das ganze Land dampft vor Arbeit, es wächst, begattet sich, jungt, Säfte steigen auf und ab, die Stuten brüten, Kühe sitzen auf ihren Eiern, die Enten bringen lebendige Junge zur Welt: kleine piepsende Wolleballen, der Hahn - der Hahn, das Aas, ist so recht das Symbol des Somemrs! er preist seinen Tritt an, das göttliche Elixier, er ist das Zeichen der Fruchtbakeit, hast du das gesehn? und macht demgemäß einen mordsmäßigen Krach ... der Sommer-?
Herbst?
Mürrisch zieht sich die Haut der Erde zusammen, dünne Schleier legt sich die Fröstelnde über, Regenschauer fegt über die Felder und peitscht die entfleischten Baumstümpfe, die ihre hölzernen Schwurfinger zum Offenbarungseid in die Luft strecken: Hier ist nichts mehr zu holen ... So sieht es auch aus ... Nichts zu holen ... und der Wind verklagt die Erde, und klagend heult er um die Ecken, in enge Nasengänge wühlt er sich ein, Huuh macht er in den Stirnhöhlen, denn der Wind bekommt Prozente von den Nasendoktoren ... hochauf spritzt brauner Straßenmodder ... die Sonne ist zur Kur in Abazzia ... der Herbst-?
Und Winter?
Es wird eine Art Schnee geliefert, der sich, wenn er die Erde nur von weitem sieht, sofort in Schmutz auflöst; wenn es kalt ist, ist es nicht richtig kalt sondern naßkalt, also naß ... Tritt man auf Eis, macht das Eis Knack und bekommt rissige Sprünge, so eine Qualität ist da! Manchmal ist Glatteis, dann sitzt der liebe Gott, der gute, alte Mann, in den Wattewolken und freut sich, daß die Leute der Länge lang hinschlagen ... also, wenn sie denn werden kindisch ... kalt ist der Ostwind, kalt die Sonnenstrahlen, am kältesten die Zentralheizung - der Winter-?
"Kurz und knapp, Herr Hauser! Hier sind unsere vier Jahreszeiten. Bitte: Welche-?"
Keine. Die fünfte.
"Es gibt keine fünfte."
Es gibt eine fünfte. - Hör zu:
Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es - wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat -: dann ist die fünfte Jahreszeit.
Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist - nun ist es vorüber .
Nun sind da noch die Blätter und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist: im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.
Mücken spielen im schwarzgoldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne, tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen ... kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt, es ist ganz still. Ein Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben - es ruht.
So vier, so acht Tage - Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert - und doch alles. Noch ist alles wie gestern: Die Blätter, die Bäume, die Sträucher ... aber nun ist alles anders....
Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören... Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.
Wunderschön sind deine Herbstimpressionen; wie durch einen Filter wirkt das Nebellicht und du machst sichtbar,wie kunstvoll das Spinnennetz geknüpft ist.
Immer wieder faszinieren mich deine Bilder, ob Fernreise oder deine heimatliche Umgebung; dein Blick für die Dinge gefällt mir sehr.
LG marianne th
Eine ganz tolle Aufnahme Marguerite!
Dickes Kompliment!
Bei uns finde ich solche Motive überhaupt nicht mehr, es wurde ein drittes Mal gemäht nun stehen nur noch Stoppeln auf den Wiesen :-(.
LG Gila
Altweibersommer, das sind eigentlich die jungen Baldachinspinnen die sich an einem langen selbst gesponnenen Faden an günstigen Tagen im Herbst durch die Luft tragen lassen. - Das ist ihre Art der Verbreitung. In letzter Zeit hat sich der Begriff gewandelt und bezeichnet eine Schönwetterlage im Herbst.
Mit alten Weibern hat das aber gar nichts zu tun, denn mit weiben bezeichnete man im Althochdeutschen das Weben der Netze der Spinnen.
Schöne Aufnahme!
LG Karin und Lothar
Ist da deine Häkeltischdecke hängen geblieben? Die gehört ja auf einen Tisch und nicht in die Wiese, wo sie ganz naß wird! ***Eine Traumaufnahme!***
Liebe Grüße Christa
@Danke Karin und Lohar,
natürlich habt Ihr recht, ich habe mir folgenden Text vor
Jahren einmal gespeichert:
Gemeint ist mit dem Begriff "Altweibersommer" (mundartlich auch "Witwensommer", aber kein Sommerwetter für ältere Frauen. Der Ursprung dieser Bezeichnung führt weit in die Vergangenheit, in die germanische Mythologie. Mit „weiben“ wurde im Altdeutschen das Knüpfen von Spinnweben bezeichnet.
An September-Tagen mit sonnigem Wetter kühlt es sich in den klaren Nächten stark ab, so dass in den Morgenstunden durch den Tau die Spinnweben deutlich zu erkennen sind. Die seltsam glänzenden Fäden (oder "Herbstfäden") glitzern im Sonnenlicht wie lange, silbergraue Haare. Früher glaubten die Leute, so erzählen es alte Sagen, daß alte Weiber (damals war das noch kein Schimpfwort für alte Damen) diese "Haare" beim Kämmen verloren hätten und daß dies das Wirken der "Nornen", der alten Schicksalsgöttinnen, die die Lebensfäden der Menschen spinnen, war. Alten Menschen, an denen solche Spinnfäden hängen bleiben, sollten sie Glück bringen.
Was die fünfte Jahreszeit nicht alles hervorbringt...
Dieses Wunderwerk der Natur zeigst Du
uns in eindrücklichster Art und Weise.
Kurt Tucholsky Text unterstreicht Deine
sehenswerte Aufnahme!!
Grüaß di
Gian
Sowas Perfektes fasziniert uns wohl alle, und dann noch im schönsten Morgenlicht aufgenommen. Das scheint der Lohn der Frühaufsteherin zu sein.
Geniessen wir weiterhin die 5. Jahreszeit, die dieses Jahr nicht schöner sein könnte..
Liebe Grüsse, Verena
Toller Text, aber noch viel großartigeres Bild. Schöne Stimmung durch den Nebel im HG und auch sehr schön das Sonnenlicht, das die Tröpfchen zum Glitzern bringt und die wundervollen Herbstfarben betont. Eine traumhaft schöne Präsentation, Marguerite!
LG monika
Wunderschön versponnen Marguerite Dein Foto und der Text gefällt mir auch.........da gehe ich mit Tucholsky einig, auch ich finde diese Zeit einfach schöööön...
Grüessli Susanne
ein wunderschönes bild - zum staunen schön ist die natur immer und immer wieder - genauso wunderschön ist dein tucholsky-text dazu, liebe marguerite.
ich habe wohl die letzte woche in himmelpfort so etwas erlebt und intensiv erfahren - es hat einen wirklich grossen zauber.
ganz liebe grüsse, dörte