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Luigi liebte die Sonntage im Frühling. Palermo war zu dieser Zeit ein Quell der Ruhe und der Erholung. Noch hatten die Touristen die Stadt nicht für sich entdeckt. Jetzt gehörte sie noch ihm ganz alleine. Trotz der morgendlichen Schönheit des Tages musste Luigi wieder an diesen einen verdammten Montag vor fünf Jahren denken. Der Tag, der mit einem Teller Pasta so verheißungsvoll begann und mit drei Toten und dem Zusammenbruch seines bisherigen Lebens endete. Luigi ging langsam mit seiner Mama Lucia die Hafenpromenade entlang und blickte auf die Fischerboote, die gerade mit ihrem Fang zurück in den Hafen tuckerten.
„Luigi,“ begann damals Don Alfredo seine Beichte. „Luigi, ich muss dir noch was Wichtiges erzählen. Komm her. Es wird dein Leben verändern.“
Und der Don hatte Recht behalten. Es hat sein Leben verändert.
Der Don erzählte ihm, dass es stimmen würde, was Francesco erzählt hatte. Er, Don Alfredo, hatte Massimo Caruso eigenhändig um die neapolitanische Ecke gebracht, weil dieser ihn bestohlen hatte. Er hatte ihm seinen „Deutschland jammert“-Aukleber von seinem damals neuen Alfa Spider gerissen und mitgenommen. Diese Deutschen waren fürchterlich. Sie jammerten immer. Und es wurde immer schlimmer. Deswegen war der Aufkleber ein Zeichen, das er setzen wollte. Das aber keiner verstand.
Doch Don Alfredo konnte diesen Diebstahl nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Sonst hätte jeder Mafiagiftzwerg dieser Welt gedacht, er könne ihm rotzig ans Bein pissen. Er musste ein Exempel statuieren. Sonst wäre seine Glaubwürdigkeit so beschmutzt wie das Wasser im Tiber. Daraufhin gestand Alfredo, dass Francesco tatsächlich sein Zwillingsbruder war. Die Eltern von Francesco und Alfredo waren bettelarme Leute. Sie besaßen nicht mal genug Geld, um sich vernünftige Unterhosen leisten zu können. Schon bei diesen Worten wusste Luigi, was der wahre Grund für Alfredo lange-Unterhosen-Fetisch war.
Doch mit diesem Geständnis war das Weltbild des Luigi noch nicht ins Wanken geraten. Warum auch. Schließlich ging das ihn nichts an. Diese Meinung sollte sich aber mit dem nächsten und für Alfredo auch letzten Satz enden. „Luigi,“ flüsterte Alfredo leise röchelnd. Darauf musste er kurz husten, „auch Du bist mein Bruder …..“ Einen letzten Seufzer von sich gebend schloss Alfredo daraufhin seine Augen ein letztes Mal.
Luigi wanderte lange durch das nächtliche Palermo. Dem anfänglichen Entsetzen wich die Erkenntnis. Plötzlich machte alles einen Sinn.
Luigi war der Älteste von insgesamt vier Brüdern. In den Wirren der Nachkriegszeit und den damit verbundenen Zeiten des Hungers war es seinen Eltern nicht möglich, alle vier Kinder durchzufüttern. Daher haben sie die drei jüngsten im Alter von vier Jahren in Pflegefamilien weggegeben. Alleine Luigi wuchs zuhause auf. Seine Mutter brachte der Kummer um ihre Kinder nach zwei Jahren ins Grab. Sie konnte es nicht verkraften, ihre Kinder nicht mehr um sich zu haben. Und noch mehr schmerzte sie die Trennung der Zwillinge Alfredo und Massimo. Der Vater nahm daraufhin Luigi hart heran und beide überlebten. Schließlich eröffneten sie den Gemüseladen in der Via De Gasperi. Die drei anderen Brüder wuchsen in behüteten Stadtfamilien in Palermo auf. Massimo und Francesco, die im Laufe der Jahre durch einen dummen Zufall voneinander erfuhren, schweißte das Wissen um die gemeinsame Vergangenheit zusammen. Und machte sie zu der stärksten Kraft im Clan der Barilla-Familie.
Über die Jahre machten die vier ihren Weg. Jeder für sich. Alfredo, der sich inzwischen zum Chef eine kleinen Clans hochgearbeitet hatte, war der einzige, der von allen vier Brüdern wusste und diese auch beobachtete. Und er war dabei, den Bertolli-Zweig der Camorra zum größten Zweig des organisierten Verbrechens in Palermo, ja in ganz Italien zu machen. Zu Hilfe kam ihm da eine Erfindung des Venezianers Peppino, von dem er die Maschine zur Herstellung der Stracciatella-Schokostückchen stahl und damit einen weltweiten Siegeszug errang, deren Erfindung er sich selbst auf die blaue Unterhosenfahne schrieb. Umso mehr schmerzte ihn die Erkenntnis, dass er seinen eigenen Bruder wegen eines bescheuerten Bildzeitungsaufklebers aus Deutschland töten musste.
Ein Jahr nach dem Montagmassaker hatte Luigi die wichtigen Unterlagen im Fiat 500 seines Bruders Alfredo gefunden. In dem Aktenordner waren feinsäuberlich die Fehltritte der politischen und kirchlichen Elite Italiens aufgelistet. Mithilfe dieser Liste war es Luigi möglich, die zwei Familien der Barillas und der Bertollis in einem großen Topf zu vereinen, aus dem Tomatenflecken vor die Gemüseläden des ganzen Landes verteilt wurden. Denn mehr als Tomatenflecken waren es ja nicht. Das sagten ja auch die Carabineri.
Inzwischen hatte sich Luigi zum Boss der Bosse in Italien hinaufgearbeitet. Und das mit über siebzig Jahren. Zumindest konnte er seiner Mama Lucia jetzt etwas bieten. Sie keifte und schimpfte zwar immer noch, aber sie sah verdammt gut aus, wenn sie in ihrem Pelz neben ihm herging und ihm ab und an verliebte Blicke zuwarf wie ein zwanzigjähriges Gör. Von diesem Gipfel des Erfolgs konnte ihn niemand mehr stürzen. Niemand!
Doch er wurde leichtsinnig. Übersah an diesem Sonntag diesen einen Typen mit den Händen in der Jackentasche der im Hafen hinter ihnen her war. Und er übersah die Beule in dessen Jacke. Luigi war alt geworden.
Der Attentäter brauchte nur ein Magazin. „Stronzo!“ keifte Mama Lucia ein letztes Mal. „Hättest du aufgepasst, wäre das nicht passiert...“
Und die Geschichte um Luigi und Mama Lucia war Geschichte…
eigentlich schade, dass es vorbei sein soll. die zwei sind mir echt ans herz gewachsen ..... ;-))))
naja. mal schaun, ob und wann und wo es vielleicht weiter geht. die zwei haben ja eine riesige verwandschaft. ;-)))
die geschichte hab ich nicht so mitbekommen ;-)
aber deine fotos dazu gefallen mir, weil sie so klar sind :-)
eine schöne tonung haben und sich jeder selbst dazu eine geschichte ausdenken kann :-)
hi hi, Doris, das war mir auch ein starkes Bedürfnis, das hier noch schnell abzuschließen, bevor es dann "niedliche" Motive gibt :-) Das wird offensichtlich übrigens noch ein Weilchen dauern, hatte heute wieder Untersuchung: Noch nix in Sicht die nächsten paar Tage, so wie´s aussieht...
Noch zwei Schritte ...
... und der Kerl da hinten liegt auf der Fresse :))))))
Ich fange die Serie mal rückwärts an. Mangels Zeit.
Auch ohne Entbindung *ggg* ....
Sag mal ... habe ich die Typen nicht
schon mal auf 'nem Foto von dir gesehen?
*grübel*
Kommen mir irgendwie bekannt vor.
wow, ein Gedächnis wie ein Elefant!
Ja - es ist ein Reload, das erste mal (nicht so gut bearbeitet und viel kleiner) hatte ich vor 1 1/2 Jahren mal hier...
Deshalb hab' ich 's mir auch so lange "gemerkt" (c:
Aber der Typ ist das Salz in der Suppe. Natürlich sind
die Beiden im VG auch nicht von schlechten Eltern.
Aber schlechte Eltern wiederum könnten sie schon sein.
Wenn ich sie mir so anschaue. Nee ... muss man nicht haben. :)))
Ich kann mich an die erste Ausgabe vor 1 1/2 Jahren noch gut erinnern. Schon damals hatte das Bild eine ungeheure Ausstrahlung. gehe mal gerade voten...
und wünsche Dir viel Glück <Daumen drück>
Grüße
Alfred
maike, das muss ich mir nachher erst mal in ruhe durchlesen, vor allem die anderen teile zuerst ;))))))
so auf den ersten blick aber schon mal klasse, ein richtiges venzel-bild :)))))
lg kirsten
so, nun hab ich auch mal alles gelesen. riesenlob an euch beide, maike für die wunderbaren italien-bilder mit verschrobenen leuten und maroden locations, jürgen für einen supertext mit massig wortwitz, charme und immer spannend. chapeau und applaus. ach ja: da capo ;-)
OH Mann das find ich voll fies, das Foto hab ich schon mal vorgeschlagen...is ne Zeitlang her und damals wurde es abgelehnt.... und jetzt schlägts jemand anderes vor, ich bekomme nich mal das Voting mit, kann keine einzige Stimme zu meinem Lieblingsbild von Dir abgeben, und nu isses drin...ganz ohne mich ... scheiße
@Sabin:
Stimmt. Das ist 1 1/2 her, siehe hier, hier ist der Rohrkrepierer:
Nein, der nochmalige Vorschlag jetzt war keine Verarsche. Ich habe es überarbeitet, Größe, Tonung und vor allem die doofe Laterne entfernt. Und nun eben re-loadet, weil´s mein all-time-fav ist :-)
nein, hatte ich auch nicht so aufgefasst (Vorwurf), das war nur ne Erklärung an alle, die sich evtl. aufregen könnten, dass das gleiche Bild nochmal vorgeschlagen wurde. Ist aber auch eben eine leicht andere Version :-)
Sehr gutes Foto, sehr gute Story.
Allerdings würden die kleinen Italiener ihre Belger niemals hergeben. Sowas widerspricht ja dem ganzen Familienpatriotismus *g*. Ich glaube Don ist spanisch oder?...vielleicht principe oder so...
Wunderbarter Bildaufbau, wie sich die einzelnen Aspekte immer mehr erweitern und man nach und nach entdeckt, was dort so alles stattgefunden hat. LG, Franziska
(erst durch Klaus Baum entdeckt)
irregutes Bild und Geschichte!
lebe seit 22 Jahren in Sizilien.... (Catania)
hier war's ein Aufkleber
neulich war's ein 12 jaehriger Junge der gnadenlos erschossen wurde weil er (unwissentlich) der Frau eines Bosses die Tasche weggerissen hatte....
Gerade entdeckt, finde ich witzig und eindrücklich, in der Eile auch gut komponiert.
Etwas mehr Nähe würde ich mir wünschen, aber man kann den Leuten ja irgendwie nicht vor's Gesicht hüpfen... (Ich bewundere aber Fotografen - oft von Magnum- die diese Skrupellosigkeit fertig bringen.)
Ich habe nix ausprobiert, aber vielleicht würde ein anderer Schnitt das Bild noch spannender machen. (durch den Mann durch und quadratisch, links schneiden zum Quadrat oder so, ja, ich glaube das zweite haut hin, es ist zu viel drauf...)
Es tröstet mich, zu wissen, dass immerhin vor über einem Jahr eine Tonmapping-Verweigerung ein Sternchen erlangen durfte... (Sarkasmus ist eigentlich blöd, aber ich weiss mir echt nicht mehr zu helfen)
Stefan Negelmann, 21.07.2005 at 21:33h
Ein Bild, welches eine (auch ohne die im Untertitel ausformulierte) Geschichte erzählt...